Der Lebenslauf

Es gibt wohl wenig in der Beratungswelt oder im weltweiten Netz, das so häufig diskutiert, in Kursen durchgekaut und zum Download bereit steht, wie der Lebenslauf. Als Kern des Bewerbungsdossiers neben dem Motivationsschreiben und den Zeugnissen soll er eine möglichst perfekte Passung zwischen Stellenbewerber und ausgeschriebener Stelle aufzeigen.

Abschaffen?

In letzter Zeit häufen sich laute Stimmen, die von der Abschaffung des Lebenslaufes reden, von fehlender Information, vor allem, was die Softskills betrifft, von Fakes und „optimierter Selbstdarstellung“. Careersblog beschäftigt sich deshalb in den nächsten Beiträgen mit dem Phänomen Lebenslauf. Wer sich noch besser bewerben und sich von den Mitbewerbern abheben will, sollte zunächst wissen, was denn auf Unternehmensseite bei einer Bewerbung vor sich geht und weshalb die Dinge so gemacht werden, wie sie heute gemacht werden.

Früher

Ganz früher kannte der Hans den Fritz und Hans wusste, wie Fritz Tische oder Stühle schreinerte. Durch Bekanntheit erübrigte sich ein Lebenslauf. Was jedoch durchaus bestand, waren die Referenzen oder Empfehlungsschreiben, die man dem potenziellen Arbeitgeber vorlegte oder von Mund zu Mund weitergab. Mit zunehmendem Bevölkerungswachstum – vor allem in den Städten – verflüchtigte sich diese Bekanntheit und andere, neue Mechanismen erwuchsen: der Lebenslauf war geboren. In seiner ursprünglichen Form und bis in die 1970er Jahre war der Lebenslauf ein Stück Prosa. Man „beschrieb“ sich auf einer Seite im Sinne von „Ich bin am 12.5.1940 in Baden geboren. Mein Vater war Schreiner und meine Mutter Hausfrau (usw.).“ Der sogenannte „Steckbrief“ löste dieses Stück Prosa ab – die Idee des tabellarischen Lebenslaufes setzte sich durch und bis heute ist er weitgehend in dieser ursprünglichen Form geblieben, zumindest sein skelettales Gerüst. Auch Referenzen gibt es heute noch, obwohl diese locker und unbeschwert abgeschafft werden könnten – aber dazu an anderer Stelle mehr.

Neuere Entwicklungen gehen nun also dahin, den noch mageren Lebenslauf mit Fleisch zu bepacken, da er sonst zu wenig aussagt: Soft und Hard Skills müssen rein, lange Kurzprofile, Key Competencies, Zusammenfassungen über Berufserfahrungen pro Stelle, und vieles mehr. Weiter gilt es, allfällige Lücken zu kaschieren, die nicht so einfach zu erklären sind und die gefüllt werden mit etwas Datumbiegerei oder Sabbaticals oder Auslandaufenthalten.

Es passiert jetzt, was immer passiert: Es wird übertrieben. Der Lebenslauf wird gemästet, gefüllt, ergänzt und verfettet, sodass Teile des Motivationsschreibens darin enthalten sind, auch selbst deklarierte Stärken und Schwächen, spaltenweise Kompetenzen aufgelistet werden, sodass der allfällige Leser möglichst viel Information erhält über die Person. Am besten noch auf einer Seite. Die damit verbundene Schriftgrösse 8 wird dabei in Kauf genommen als ob es noch nie einen kaufmännischen Verband gegeben hätte mit Korrespondenzregeln und dergleichen (niemals weniger als 10 Punkte!)…

Dummerweise haben Rekrutierungspersonen gerade heutzutage für das Lesen eines Lebenslaufes nicht mehr Zeit als früher, im Gegenteil, es muss ja alles noch schneller gehen.

Wie es sein sollte…

Der Lebenslauf ist nur Teil eines ganzen Bewerbungsprozesses, sowohl unternehmens- als auch bewerberseitig. Die einzelnen Schritte des Bewerbungsprozesses müssen aufeinander abgestimmt sein.

Hier gilt: möglichst keine Redundanz! Brief und Lebenslauf ergänzen sich: was im Brief steht, braucht nicht auch noch im Lebenslauf zu stehen. Wichtig sind die Lücken: Gehen Sie als Bewerber in Ihrem Schreiben darauf ein! Das Unternehmen erwartet dies und wertet dies positiv! Erfinden Sie nichts!

Faktum ist: Die Rekrutierer haben wenig Zeit, einen Lebenslauf zu lesen. Für ein erstes Screening im Schnitt knapp 3 Minuten pro Dossier. Das vertiefte Anschauen dauert etwa 8 Minuten.  

Nebst dem ersten Eindruck sind die Kriterien für die erste Triage in fast allen Fällen Aus- und Weiterbildung (i) und Anzahl Jahre geforderte Berufserfahrung (ii) in der gewünschten Branche (iii). Meistens werden noch ein paar Sprachkenntnisse gewünscht (iv). Vielleicht noch Führungserfahrung oder Projekt Management (v). Gemäss diesen Kriterien wird das Dossier in drei Stapel sortiert: A, B und C.

  • Die A-Gruppe erfüllt alle oder fast alle der etwa 3 bis 5 Killerkriterien;
  • die Gruppe B ist die Reserve, die zwar nicht 80% der Killerkriterien erfüllt, aber trotzdem in Frage kommen darf, diese werden vertröstet (wir brauchen noch Zeit);
  • in die Gruppe C gehören diejenigen, die sofort eine Absage erhalten, weil sie keine oder zu wenig der Killerkriterien erfüllen.

Noch redet kein Mensch von Softskills oder Persönlichkeit, weil diese zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht messbar sind und dementsprechend noch nicht evaluiert werden können. Und: Wer die Killerkriterien erfüllt, aber ein schlechtes Motivationsschreiben beilegt, der gerät auf den „Vielleicht“-Haufen. Wenn jedoch genügend A-Dossiers zusammenkommen, landet es doch noch auf dem C-Haufen. Es ist nun mal so: Schlechte Briefe machen gute Lebensläufe schlecht.

Wie weiter?

Erst im nächsten Schritt werden die A-Dossiers das erste Mal vertieft  – das heisst länger – angeschaut. Dabei werden jetzt auch die Zeugnisse angeschaut (vorher überflogen) und es wird geprüft, ob der Lebenslauf durch die Zeugnisse belegt wird. Spätestens hier werden erste Lücken auffallen und hinterfragt.  

Ziel ist, etwa fünf bis acht A-Dossier-Bewerber zu einem ersten Interview einladen zu können. Wer einen Brief mit Dank erhält und um Geduld gebeten wird, liegt auf Haufen B. Wer innerhalb von einer Woche eine Absage erhält, war auf Haufen C. Die konkrete Aussage, die allerdings nie im Absagebrief zu finden ist, lautet: „Sie haben leider unsere Killerkriterien nicht erfüllt“ und nicht „Wir haben einen besseren gefunden“. Doch dazu an anderer Stelle mehr.

Und was heisst das jetzt für den Bewerber und den Lebenslauf?

Wir sind noch weit davon entfernt, uns ohne Lebensläufe bewerben zu können. Die Unternehmen sind weit davon entfernt, ohne Lebensläufe zu rekrutieren. Berufsprofile auf Plattformen wie Xing oder LinkedIn oder standardisierte Versionen wie visualize.me ersetzen den Lebenslauf jetzt (noch) nicht. Der tabellarische Lebenslauf hat sich auch deshalb so lange durchgesetzt, weil er den für die Einstellungen zuständigen Personen die für sie notwendigen Informationen kurz und bündig liefert. Solange wir keinen gleichwertigen Ersatz haben, bleibt der Lebenslauf, wo und was er ist. Aller Kritik zum Trotz.

Und der Bewerber?

Wer weiss, dass in erster Linie nach Fachkompetenzen – also schulischen oder beruflichen Qualifikationen – sortiert wird, tut gut daran, diese Kompetenzen sorgfältig zu überdenken, evaluieren, strukturieren und darzustellen, und zwar am Anfang des Lebenslaufs! Wer gerade hier Lücken oder angebliche Defizite hat (z.B. Ausbildung nie abgeschlossen o.ä.), der tut sehr gut daran, darauf im Bewerbungsschreiben einzugehen!

Ansonsten ist der klassische tabellarische Lebenslauf immer noch hochaktuell. Wenn Sie sich abheben wollen von den Mitbewerbern, dann wählen sie ein anderes Layout, andere Schrift, andere Darstellung. Bedenken Sie dabei, dass die Lesbarkeit niemals unter der Kosmetik leiden darf – die Personaler müssen die Information schnell und einfach finden können!

Und nächstes Mal: Was gehört in den Lebenslauf und warum und was ist mit den neuen Lebensläufen?

Bleiben Sie cool!

Ihr Careersblog

 

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