Das Kreuz mit dem Bewerbungsschreiben

Sie müssen perfekt sein. Fehlerfrei und vielsagend. Aufzeigen, dass man der beste aller Stellenbewerber ist, die Passendste aller Passenden. Vor Motivation strotzen und trotzdem realistisch sein. Gemeint sind Bewerbungsbriefe oder die sogenannten Motivationsschreiben.

Wer sass nicht schon vor dem leeren Dokument vor dem Bildschirm und zerbrach sich den Kopf darüber, was zu schreiben ist. Wer hat nicht schon vor lauter Nichtkönnen und Nichtmögen einfach ein altes Bewerbungsschreiben angeklickt und rasch eine Kopie davon angepasst? Vermutlich fast alle.

Was ist denn nun so schwierig daran?

Ganz einfach. Einerseits handelt es sich um ein Stück Korrespondenz, das gewissen Korrespondenzregeln folgt, die in der Regel nur kaufmännisch Ausgebildete lernen und kennen.

Andererseits handelt es sich um geschriebenen Text – mit Ausnahme von Juristen oder sozial tätigen Menschen oder Journalisten und Schriftstellern, die Berichte oder Artikel schreiben müssen, wird heute nicht mehr viel und schon gar nicht in ganzen Sätzen geschrieben. SMS ja, Facebook, Whatsapp, alles wird in kurzen Botschaften kommuniziert. Arbeitsrapporte sind Ankreuzformulare. Selbst das einfache 50%-Rabat-Schild weiss nicht, dass damit die Hälfte der Hauptstadt Marokkos gemeint ist.

Korrespondenzregeln beachten!

Gerade der Kaufmännische Verband Schweiz liefert einfache Tipps, wie ein Brief heutzutage auszusehen hat. Auch der Beobachter hat gute Ratgeber im Sortiment, wie geschrieben werden soll.

Und das gehört zwingend hinein

  • Eine Betreffzeile hilft dem Leser (in der Regel Personalmenschen, die rekrutieren), die Bewerbung einzuordnen, was gerade bei mehreren offenen Stellen hilfreich ist: Ihr Inserat auf jobs.ch: Berufs- und Studienberaterin 80%
  • Beziehen Sie sich im ersten Absatz nach der Anrede auf das interessante, aufschlussreiche, informative, freundliche Gespräch mit Frau X oder Herrn Sowieso von HEUTE MORGEN oder VON SOEBEN. Ja, Sie haben vorher nämlich schon angerufen, intelligente Fragen gestellt und sich selber mündlich vorgestellt (dafür brauchen Sie ein aussagekräftiges Kurzprofil!). Das schafft Nähe und gibt Ihnen den perfekten Aufhänger für Ihren Bewerbungsbrief. Sie sollten Ihre Bewerbung immer im Anschluss an das Gespräch versenden. Niemals zwei oder fünf Tage nach Telefonat, dann sind Sie schon wieder in der Senke der Vergessenheit gelandet.
  • Die nächsten zwei Abschnitte nenne ich in meinen Kursen und Beratungen immer „Wer bin ich“ und „Warum will ich diese Stelle„. Darin finden sich Aussagen dazu, wer Sie sind und was Sie können, weshalb Sie die beste aller Bewerberinnen sind und was Sie toll finden an der Unternehmung, bei der Sie sich bewerben, und weshalb Sie dafür arbeiten wollen.
    Diese zwei Abschnitte sind das Herz und das Rückgrat und die Seele Ihres Briefes. Und deshalb machen sie auch am häufigsten Schwierigkeiten.
    Wieso wollen Sie denn für das Universitätsspital am Empfang arbeiten? Oder für BWM im Verkauf? Oder für das Warenhaus in der Personalabteilung?
  • Hier empfiehlt es sich, einen Blick auf die Firmenwebsite zu werfen. Wie präsentiert sich die Firma? Versuchen Sie zu formulieren, was Ihnen gefällt: „Mir gefällt, dass der Jelmoli …“. Hier sollten Ihnen etwa drei gute Gründe in den Sinn kommen, weshalb Sie für das Unternehmen tätig sein möchten.
  • Genauso verhält es sich mit dem Abschnitt „Wer bin ich“: drei gute Gründe, weshalb Sie für diese Stelle geeignet sind.
  • Der Abschluss des Briefes folgt wiederum den Korrespondenzgepflogenheiten: Jetzt freue ich mich auf ein persönliches Gespräch mit Ihnen, um mehr über die Stelle zu erfahren. Einige Berater raten von „gerne warte ich auf Ihren Anruf“ ab, da dies zu passiv klingt. Ich persönlich finde, dass man damit realistisch zeigt, dass in der Regel ja eingeladen – also angerufen – wird. Wozu etwas anderes vorschlagen?
  • Was ebenfalls in den Brief gehört, sind Erläuterungen und Erklärungen zu offenen Fragen, die sich auf dem Lebenslauf ergeben, beispielsweise, wenn es chronologische Lücken gibt oder fehlende Berufserfahrungen o.ä. Hier müssen Sie punkten, indem Sie erklären, und zwar ungefragt und konsistent!

Und das nicht

  • COPY-PASTE-FEHLER!! Falscher Adressat und falsche Anrede landen automatisch auf dem C-Haufen.
  • Aussagen wie „Ich finde das Personal interessant“ oder „Ich finde dasunddas spannend“ sind streng verboten. Sie müssen von sich aus preisgeben, WARUM Sie etwas interessant oder spannend finden. Die blosse Aussage ist sonst leer.
  • Romane, Klammern, Zusammenfassungen von Lebensläufen – auch verboten.
  • Tippfehler – tja. Lassen Sie die Rechtschreibung Ihres Computers drüberlaufen, kontrollieren Sie jedes rot unterstrichene Wort mit der Lupe. Es kann vorkommen, dass sich ein Tippfehler derart erfolgreich versteckt, dass er Ihnen durch die Lappen geht. Ich persönlich finde das nicht superschlimm, wenn es ein Tippfehler ist. Mehr als einer ist jedoch intolerabel. Mit Kommafehlern kommen Sie heutzutage ja noch durch. Ein fehlendes S in „dass“ oder ein „lehren“ statt „leeren“ – geht gar nicht.

Warum man das Bewerbungsschreiben nicht abschaffen sollte

  • Weil man sonst als Bewerber keinen guten ersten Eindruck machen kann;
  • weil die Personaler sonst nur Lebenslauf und Zeugnisse vorfinden und viel Mehrarbeit in Vorstellungsgespräche geht, wofür niemand Zeit oder Geld hat;
  • weil Korrespondenzregeln lernbar sind, genauso wie ein wenig Insichgehen und Reflektieren über die eigenen Vorlieben und Abneigungen sowie die eigenen Kompetenzen;
  • weil der grösste Teil der Bewerber auch mit lausigen Briefen immer wieder eine Stelle findet und das ganze offenbar gar keine so grosse Hexerei ist und
  • weil es bisher keine akzeptable Alternative gibt!

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„Was würden Sie als Ihre grösste Schwäche und Stärke bezeichnen?“

Aus Vorstellungsgesprächen mit bestem Willen nicht wegzukriegen, ist die Frage nach den Schwächen oder Stärken des potenziellen Mitarbeiters. Eigentlich schade, dass man wertvolle Vorstellungsgesprächszeit mit dummen Fragen verschwendet. Aber zuerst ein bisschen Info für Stellenbewerber.

Wenn Sie sich gerade für eine Stelle beworben haben und eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch erhalten haben, können Sie mit grosser Sicherheit damit rechnen, während des für Sie hoffentlich angenehmen Gesprächs unter anderem nach Ihren Stärken und Schwächen gefragt zu werden. Meistens passiert dies nach dem biografischen Teil des Interviews, wenn es darum geht, die sogenannten Soft Skills des Stellenbewerbers herauszufinden. Sie müssen also etwas Persönliches sagen. Etwas preisgeben von sich.

Was das Unternehmen mit der Frage eigentlich wissen will

Eigentlich geht es neben reiner Neugier darum, ob irgendeine jetzt noch unbekannte Eigenschaft des Stellenbewerbers ein potenzielles Risiko für das Unternehmen darstellt. Mit der Frage nach der Schwäche versucht das Unternehmen also herauszufinden, ob der Stellenbewerber dem Unternehmen schaden könnte. Das heisst, wenn Sie zu aggressiven Wutausbrüchen neigen, bei denen Sie die Büroeinrichtung zu Kleinholz verarbeiten (tun wir ja schliesslich alle, oder?), dann will das Unternehmen das gerne vor einer Anstellung wissen.

Jeder Stärken-und-Schwächen-Frager wird jetzt vehement den Kopf schütteln und „Nein“ rufen und korrigieren, dass die Frage darauf abzielt, die „Selbstreflektion“ des Stellenbewerbers „herauszuspüren“. Na, dann spüren Sie mal!

Selbstreflektion ist ein Zauberwort der Sozialwissenschaften des 20. und noch vielmehr des 21. Jahrhunderts. Wir sollen über unser Verhalten reflektieren und über unsere Persönlichkeit, unser Sozialkompetenz und unsere Nasenhaare und über jeden Gedanken, den wir fassen. Wir sollen über alles Bescheid wissen, was uns angeht und herausfinden tun wir das mittels Selbstreflektion. In jedem Ausbildungscurriculum finden sich Module mit oder zur Selbstreflektion. Wir leben mit Selbstreflektion. Selbstreflektion ist in und wer über sich selber gut reflektieren kann, zeigt Selbstkompetenz.

Und nun zur Information für Unternehmen, die Stärken-Schwächen-Frager beschäftigen: Nun, gegen Selbstreflektion ist ja primär nichts einzuwenden. In einem Vorstellungsgespräch suchen wir jedoch mit der Frage nach Stärken oder Schwächen am falschen Ort nach der Selbstreflektion. Zumal die Primärantworten in der Regel zu 90% „Ich bin manchmal etwas ungeduldig“ oder „Ich bin manchmal etwas zu direkt“ lauten. Damit haben Sie weder eine verwertbare Zusatzinformation gewonnen noch haben Sie eine Möglichkeit, irgendeine Selbstreflektionsfähigkeit zu messen, noch irgendwelche Hinweise über den Stellenbewerber gesammelt, die nicht auch 90% aller anderen Menschen gegeben hätten. Von der Vergleichbarkeit Ihrer Resultate ganz zu schweigen. Und von dem schlechten Stil und konservativen HR, das mit so einer Frage gezeigt wird, wollen wir gar nicht anfangen.

Meistens wissen Stärken-Schwächen-Frager nämlich gar nicht, was Sie mit dieser Frage messen wollen und ob es wirklich die Selbstreflektion ist. Die Todsünde des Informationssammelns ist ja, nicht zu wissen, was mit der gesammelten Information geschehen soll. Die Stärken-Schwächen-Frage wird gestellt und dann wird genickt, und damit das ganze noch etwas kompetenzbasiert daher kommt, wird nach einem illustrierenden Beispiel gefragt, welches wiederum benickt und notiert wird. Aber niemals ausgewertet.

Nehmen wir an, unser Stellenbewerber antwortet „Ich neige zu Aggression. Sie bricht nie aus, keine Sorge, ich habe mich mit Yoga total in der Balance. Aber wenn der Stress zu gross wird, dann wird es schwierig.“ An und für sich eine sehr selbstreflektierte Antwort, bloss hat der Stellenbewerber gerade ein totales Abschusskriterium geliefert. Der wird nicht mehr eingeladen.

Besser machen kann man es immer

Wieso nicht eine Frage nach einem Misserfolgserlebnis stellen und am Ende in guter Manier fragen, ob man es heute anders machen würde, wenn man könnte und dann nicken, aufschreiben, evaluieren, bewerten? Attributionsstil und Selbstwirksamkeit, das sind Konstrukte, die Sie mittels Selbstreflektion herausfinden können. Womit sich dann plötzlich zeigt, dass Selbstreflektion ein Instrument ist, über das verfügt wird oder nicht. Also keine Eigenschaft, die gespürt werden kann.

Kehren wir also zum gewieften Stellensucher zurück. Sollten Sie in einem Vorstellungsgespräch nach Ihren Stärken oder Schwächen gefragt werden, antworten Sie doch bitte einfach „Mir fällt jetzt beim besten Willen nichts ein“ oder noch besser mit „Meine Berufsberaterin hat mir gesagt, dass das eine so dumme Frage ist, dass ich mir darauf keine Antwort überlegen soll“. Und haken Sie das Unternehmen getrost ab. Da sollten Sie nicht arbeiten wollen.

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